Augenzeugenberichte von der Bombennacht

Wenn der Tod die einzige Lösung ist, befinden wir uns nicht auf dem richtigen Weg. Der richtige Wegführt zum Leben .... (Albert Camus)

"Meine Schwester Rut Iven wohnte mit ihrem Sohn Rainer auf der Alten Linner Str. 99. Die ganzen Monate hatte sie bei meinen Eltern in Bockum gewohnt, sie fühlte sich dort sicherer als in Krefeld. Ausgerechnet am Abend vor der Bombennacht ging sie noch mal in ihre Wohnung. Ich glaube, es war Gottes Fügung. In der Nacht am 21./22.6.1943 wurde ihr Haus bombardiert. Die Vorderfront war fort. Im zweiten Stock hing ihr Gasherd an einem Rohr. Du stehst davor und kannst nichts sagen. Krefeld war ein Trümmerfeld."

(S. 231) (Irmgard Tautenhahn, 23 Jahre)

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Blick auf die Nordseite des Schinkenplatzes. Das weiße Haus im Hintergrund (Ecke Alte Linner/Kronprinzenstraße) blieb unzerstört; es ist bis heute unverändert geblieben. Bis in die 50er Jahre war dort der Hotelbetrieb "Prinzenhof", später die Gaststätten "Johnen" und "Sirtaki".


"Ich wohnte Vereinsstraße 39 an der Schwertstraße. Vom Hinterfenster sah ich rechts die Papierfabrik Behn lichterloh brennen, zur Kronprinzenstraße hin brannte eine graphische Fabrik. Daß unser Haus schon brannte, merkte ich, als in einem Zimmer die Decke herunterfiel, es blieb mir nichts anderes übrig, als zum Keller zu gehen. Als Blockwart war ich mit noch einer Frau am Schinkenplatz eingesetzt, aber alle unsere Übungen waren umsonst, es brannte einfach alles, die Straße brannte voll Phosphor."

(S. 120) (Elisabeth Hubben, 27 Jahre)

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Der Schinkenplatz: Blick auf seine Südseite - von "Schuhhaus Schinkenplatz" aus betrachtet.

 
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Blick auf den Westteil des Schinkenplatzes in Richtung Neue Linner Straße. Hinter dem Lastwagen: das ausgebombte "Schuhhaus Schinkenplatz"; ebenfalls zerstört(r.): das gegenüberliegende "Restaurant Wildschrey".


"Die Wohnung meiner Eltern lag auf der Alten Linner Str. 110, unser Kinderzimmer in der zweiten Etage zur Straße hin, Richtung Friedenskirche, Luisenplatz ...

Gegen 24 Uhr 30 wurde ich wach durch die Helligkeit, die im Zimmer war. Ich sprang aus dem Bett zum Fenster hin. Dort erkannte ich die Leuchtkerzen, die über Krefeld am Himmel standen, und hörte das Dröhnen der Bombenflugzeuge näher kommen. Nun ahnte ich, daß unsere Stadt wohl das Angriffsziel in dieser Nacht war ...

Wäre ich durch den Lichtschein nicht wach geworden, wäre ich verbrannt. Den Angriff habe ich stehend im Keller mit Angst und Schrecken verbracht. Mit meinen Händen drückte ich meine Ohren fest zu, um das Einschlagen der Sprengbomben nicht so stark zu hören. Es war eine schreckliche Stunde, die wir dort verlebt haben. Unsere Gedanken kann man nicht schildern...

Nun begann das Durchbrechen der Mauern ins Nebenhaus. Durch die Durchbrüche von drei Häusern kamen wir auf die Straße. Dort war auf beiden Straßenseiten ein Flammenmeer. Es hörte sich ganz schrecklich an, wie die Flammen von beiden Straßenseiten zusammenschlugen. Gefährlich war es, durch die Straßen zu gehen ...

Meinen Weg wollte ich Richtung Maria-Hilf einschlagen; das war unmöglich, die Sicht Richtung Schinkenplatz war ein Flammen-Inferno. Dann schlug ich mich links durch die Mariannenstraße Richtung Neue Linner Straße von Haustür zu Haustür durch, an der Friedenskirche vorbei bis zum Luisenplatz. Dort hatten sich viele Menschen angesammelt. Weiter ging es mit dem besten Willen nicht mehr. Die Sicht zum Ostwall war noch nicht einmal zu erkennen."

(S. 122 f.) (Gerta Sass, 19 Jahre)

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Und noch einmal der verwüstete Schinkenplatz; rechts das Olsen-Haus.


"Bis 1942 wohnte ich mit meinem Mann Karl auf der Petersstraße, doch dann wurden wir ausgebombt und wohnten bei Verwandten auf der Dreikönigenstraße in einem Drei-Familien-Haus neben der altkatholisehen Kirche. Mein Mann war Schlosser und hatte seine Werkstatt an der Stephanstraße. Bei dem Alarm in der Nacht des 22. Juni liefen wir in den Keller unseres Hauses. Doch das Haus wurde getroffen ...

Wir schlugen die Wand zum Nachbarhaus ein und konnten durch das Nachbarhaus entkommen. Wir liefen durch den Bombenhagel bis zur Stephanstraße, als in unserer unmittelbaren Nähe an der Mariannenstraße/Dreikönigenstraße eine Bombe einschlug. Wir warfen uns vor die Mauer an der Stephanskirche ... und fanden so etwas Schutz ...

Es brannte alles lichterloh. Dann rannten wir zum Bunker am Albrechtplatz. Als um vier Uhr Entwarnung gegeben wurde, verließen wir, mit dem nackten Leben davongekommen, den Bunker... Es war ganz grausam. Wir mußten bei null wieder anfangen, denn wir hatten alles verloren."

(S.127) (Elisabeth Deuster, 35 Jahre)

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Links: Die Dreikönigenstraße (mit Blick zum Ostwall) im Kreuzungsbereich Mariannenstraße: ein Bild der Verwüstung!
Rechts: Total zerstörter Häuserblock in der Neuen Linner Straße zwischen Kronprinzen- und Elisabethstraße; im Hintergrund die Pfarrkirche St. Stephan. Die Friedenskirche am Luisenplatz verlor damals ihren Turm.

(Vier Augenzeugenberichte aus: 22. Juni 1943 - als Krefeld brannte; Herausgeber: Verein für Heimatkunde Krefeld, 1993)