Alltag in den Nachkriegsjahren

Im Frühjahr 1952 war es soweit. Wir, mein Mann Peter Spemes, mein zweijähriger Sohn und ich, konnten unser fast fertiges Haus in der Alten Linner Straße 99, das in der Bombennacht total zerstört worden war, wieder beziehen. Rechts, links und gegenüber gab es überall noch Trümmer. Doch mein Mann fühlte sich hier wohl, das Haus Nr. 99 war ja auch sein Elternhaus gewesen und die Umgebung rund um den Schinkenplatz war seine Heimat. Auch kannte er einige wohlbekannte Anlieger des Bezirks, so den alten Herrn Koppenburg sowie Josef Meiß, der am Schinkenplatz ein Geschäft für Stahlwaren hatte, und Walter Goertz, den Klempnermeister von der Dreikönigenstraße. Es dauerte nicht lange und die vier ließen den Bürgerverein wieder aufleben.

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Trist und grau waren die Nachkriegsjahre. Hier ein Teil des Kronprinzenviertels Anfang der 50er Jahre - von der Friedenskirche aus gesehen. Vorne die Alte Linner-, rechts die Luisenstraße; im Hintergrund die Stephanskirche.


Es war schön am Schinkenplatz, so richtig familiär ging es zu. Von weitem rief man sich den Tagesgruß zu. Da waren der Heini Tümp, ein Original von nebenan, Schreiner von Beruf, der Schuster Busch, ebenfalls ein Nachbar, und auch die Familie Schmidt, die ein Seilerwarengeschäft in der Alten Linner Straße 83 führte. Man achtete aufeinander und half sich auch gegenseitig.

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Bild links: Blick in die Alte Linner Straße in Richtung Schinkenplatz (von der Mariannenstraße aus aufgenommen); vorne links vor Bachus: das Haus Nr. 99 (Aufnahme 1953)
Bild rechts: Blick auf den Schinkenplatz - 1953. Man schaut - von rechts nach links - auf den Abschnitt Alte Linner Str. 67 (Bäckerei Schwagers) bis 73.


Schon bald bat mich Frau Koppenburg in ihr Putzmachergeschäft (Geschäft für Damenhüte) am Schinkenplatz, Alte Linner Straße 64. Mein Mann hatte ihr einen Gefallen getan und sie wollte mich kennenlernen. Von ihr erfuhr ich mehr über gar manche "Eigenarten" Alteingesessener vom Schinkenplatz. Frau Koppenburg war bestens informiert. Zwei Hüte, einen braunen und einen grünen, die sie für mich anfertigen und mir schenken wollte, durfte ich mir damals aussuchen. Obwohl darüber schon 45 Jahre vergangen sind, habe ich den braunen Hut noch sehr genau in Erinnerung behalten. Er hatte als Schmuckspange einen kleinen Spazierstock aus Bambus und sah - wie ich heute glaube - schrecklich aus, aber die Zeiten waren anders damals, ich habe ihn getragen. Mit uns zusammen in das Elternhaus meines Mannes eingezogen war Familie Siemon aus Bielefeld. Wir Frauen verstanden uns auf Anhieb. So machten wir manches gemeinsam, und während unsere Männer unterwegs waren, gönnten wir uns nachmittags je eine Tasse Nescafe aus kleinen Blechdosen für 20 Pf. das Stück. Dabei "beratschelten" wir so für uns das Neueste vom Tage. Man war halt bescheiden damals und doch zufrieden. Die Zeit war irgendwie schön!

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Bild links: Trotz des tristen Alltags blieb auch Zeit für den einen oder anderen Jux. Hier sieht man einige Mitglieder der Bürgergesellschaft mit Würsten behangen (2.v.r.)...
Bild rechts: ...bei einer spontan inszenierten Schlemmerei "à la surprise Schinkenplatz"!